Märchen statt Skifahren  

         
Für Kinder, welche die Sportferien nicht mit Skifahren und Schlitteln verbringen, wird in Humlikon ein «Märlilager» durchgeführt. Es werden Geschichten erzählt und dazu passende Bilder gemalt.

Larissa, Joschka und Janis lauschen andächtig den Worten der «Märlifrau» Ruth Aebersold. Still sitzen sie auf ihren Stühlen und verfolgen die Geschichte vom schwarzen Peter anhand der aufgebauten Figuren mit. Wie der Peter als Köhlersohn im Wald aufwächst und dann in die Welt hinauszieht, um Schafhirte zu werden. Wie er zuvor noch vom Zwerg einen Wunschring bekommt, weil er diesem immer so schön auf der Flöte vorgespielt hat. Ruth Aebersold erzählt das Märchen frei und bezieht die Kinder immer wieder mit ein, erklärt schwierige Ausdrücke oder Berufe wie den des Köhlers und fordert auf mitzudenken. Schon am nächsten Tag dürfen die Kinder beim Gestalten des Bühnenbilds mithelfen, ihre eigenen Vorstellungen und Ideen einbringen.

Das «Märlilager» in Humlikon dauert drei bis fünf Tage, kann aber auch nur an einzelnen Tagen gebucht werden. Nachdem die Kinder jeweils einen Teil des Märchens erfahren haben, geht es in den Schulraum, in dem schon alles auf die kleinen Künstler wartet. Jeder bekommt Papier und Stifte und darf nach seinen Vorstellungen das eben Gehörte und Erlebte in Farbe umsetzen. Dafür liegen die Fibralo-Stifte bereit. Mit ihnen kann man wie mit Fasermalern zeichnen und später mit Wasser leicht darüber gehen, so dass sie wie Aquarell-Stifte verschwimmen. Larissa, Joschka und Janis sind begeistert. Sie malen eifrig darauf los, den Wald und die Hütte, den Peter und die Schafe.

Die Idee zu diesem Lager – wie auch zum Indianerlager im Sommer oder Basteln zu Weihnachten – hatte Aebersold, da sie bemerkte, wie kopflastig die Schule geworden ist. «Wir müssen in der Freizeit die Bedürfnisse abdecken, die in der Schule nicht abgedeckt werden», sagt sie und versteht ihr Angebot als soziales Lernen im kulturellen Rahmen. «Märchen vermitteln uralte Weisheiten, die überlebt haben. In jeder Figur steckt jeweils ein Anteil, eine Seite von uns. Es gibt Gut und Böse, und meist siegt das Gute. Damit können wir an die Kinder Hoffnung weitergeben», erklärt sie. Zum anderen sieht sie in ihrem Angebot eine gute Verbindung ihrer verschiedenen Ausbildungen. Sie ist Sozialpädagogin, Maltherapeutin, heilpädagogische Lehrerin und Kennerin des Puppentheaters.
Die Förderung des Gemeinschaftssinns ist ihr wichtig, deshalb sind drei Kinder die unterste Grenze. Mehr als acht sollten es aber auch nicht sein. Gedacht ist das «Märlilager» für Mädchen und Knaben von 6 bis 11 Jahren, und
es kostet pro Tag 90 Franken. Im Preis enthalten sind nicht nur die Betreuung von 9.30 bis 17 Uhr, das Material und das Mittagessen, sondern auch das Reiten auf dem angrenzenden Ponyhof.

Ausflug auf den Ponyhof

Nachdem Larissa, Joschka und Janis ihre Bilder fertig gemalt haben, kochen sie gemeinsam zu Mittag. Einer holt das Gemüse und schneidet es klein, ein anderer deckt den Tisch. Nach dem Essen geht es dann hinüber zum Ponyhof zum Reiten. Begeistert werden die Ponys gestreichelt. Eine gute Stunde reiten die Kinder aus, jeweils geführt von einem Begleiter. Im Anschluss lernen sie, wie die Tiere gepflegt werden, was sie gerne haben und was sie weniger mögen.
Aebersold hält es für wichtig, dass die Kinder die Möglichkeit haben, die Natur hautnah zu erfahren. In den Märchen kommen Tiere vor, die sie am Nachmittag anfassen können. «Übers Ergreifen zum Begreifen» ist deshalb auch ihr Leitspruch. So haben die scheinbar ganz unterschiedlichen Programmteile Berührungspunkte.

Selbstwertgefühl wird gestärkt

Mitgeben möchte Aebersold den Kindern nicht nur ein Gemeinschaftserlebnis, sondern sie will vor allem ihr Selbstwertgefühl stärken, jedem Kind die Möglichkeit geben, so zu sein, wie es ist. Beim Entstehen der Bilder gibt sie deshalb nur technische Hilfestellung, erklärt Maltechniken und unterstützt die Mädchen und Knaben darin, ihre eigenen Werke entstehen zu lassen. «Sie nur abmalen zu lassen wäre völlig falsch. Die Bilder sollen aus ihrem Inneren heraus entstehen», sagt sie. So hat jedes Kind am Ende der Woche seine eigene Märlimappe, die es mit nach Hause nehmen kann. Zum Abschluss der Woche gibt es am Freitagabend eine Vernissage, an der die Eltern dem Märchen lauschen und danach alle Werke der kleinen Künstler bestaunen können.
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